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Month: May 2016

Handwerker im Haus

Handwerker im Haus

Ich hatte ja bereits erwähnt, dass ich weitestgehend für die Bezugsfertigkeit unseres neuen Büros verantwortlich gemacht worden war. Während ich also zwei Wochen im Oktober damit verbrachte, im neuen Büro das Internet auszurollen, übernahm ich nebenbei die Betreuung der diversen Handwerker, die noch verschiedene Arbeiten zu erledigen hatten.

Die ersten beiden Tage hatte ich dabei noch “Unterstützung” von meinem damaligen Kollegen, nennen wir ihn Kevin. Kevin war damals genauso frisch von der Uni wie ich, hatte aber nebenbei noch nicht so viel gearbeitet und ihm fehlte in gewissen Bereichen noch ein wenig das Fingerspitzengefühl. So saß er damals mit mir im neuen Büro und konnte mir nicht beim Konfigurieren des Routers und des Switches helfen, da er den USB auf RJ45 Adapter für sein MacBook vergessen hatte. Ich dagegen hatte den kompletten Sonntagabend damit verbracht, einen Rucksack mit allen Notwendigkeiten für die vor mir liegende Unternehmung zu bestücken: Diverse Kabel und Adapter, Schraubendreher in allen möglichen und unmöglichen Formen und Größen, zwei Notebooks, Strom in verschiedensten Verpackungsformen und sogar zwei Campingstühlen (gut zugegeben die waren nicht im Rucksack sondern im Kofferraum), da es noch kein Mobiliar im Büro gab.

So schwitzte ich über der Aufgabe, das erste Mal in meinem Leben mit tagged VLANs und Routingtabellen in Kontakt zu kommen und während ich mich nach einer Glaskugel sehnte meinte Kevin plötzlich zu mir:

“Dein Internet geht nicht.”

“Das ist jetzt nicht dein ernst, oder?”, fragte ich.

“Doch, wie soll ich denn so meine Mails abholen? Das WLAN geht noch garnicht!”

“Wieso WLAN? Hilf mir doch lieber mal mit dem [Zensiert] hier!”

“Naja weil ich keinen Adapter fürs LAN-Kabel dabei habe!”

“Der WLAN-AP liegt da drüben in der Tasche, du kannst gerne schonmal das OpenWRT drauf flashen.”

“Davon hab ich keine Ahnung, mach du das. Außerdem hab ich doch kein Kabel.”

Die nächsten zwei Wochen habe ich dann allein in dem neuen Büro verbracht, aber wer denkt, dass ich in Ruhe hätte arbeiten können, irrt sich gewaltig. Während die anderen Kollegen ein wenig nölten “ich hätte es ja so gut, dass ich nicht mehr jeden Tag so weit pendeln muss”, bin ich irgendwann ausgerastet und beauftragte jemanden, dem nächsten, der das sagt, im anderen Büro eine Schlagbohrmaschine neben sein Ohr zu halten.

Zu diesem Zeitpunkt wurden gerade in allen Büros die Klimageräte unter die Decke gehängt und schöne kleine Löcher von etwa 5cm Durchmesser in die Außenwände gebohrt, um anschließend das Gerät draußen anzuschließen. Dass das im Oktober nicht mehr so ultimativ gemütlich war, neben einem Loch in der Wand zu arbeiten, und sei es noch so klein, erklärt sich wohl auch von selbst.

An jenem Freitagnachmittag, nachdem jedes Büro eine nette kleine Zusatzbelüftung erhalten hatte, fragte ich den Handwerker mit leicht östlich anmutendem Akzent, ob die Löcher denn das ganze Wochenende da so in offen bestehen blieben und er antwortete mit einem “Ja, muss.”, einem Schulterzucken und dem wunderbaren Satz

“Kann sein, dass Vogel reinkommt!”

Und verabschiedete sich ins Wochenende.

Das Klo-Problem

Das Klo-Problem

Wie ich zu meinem Job kam …

Natürlich fällt man nicht aus der Uni in einen Job und so musste auch ich die leidige Prozedur der Vorstellungsgespräche über mich ergehen lassen.

Vorstellungsgespräche sind zwar eines der oberflächlichsten Riten unserer Gesellschaft und eingeladen wird im Normalfall der, dessen Mappe am hübschesten war und zwei Wochen vorher fängt man an, sich zu überlegen, was man eigentlich anzieht und das alles nur weil einem Menschen im Schnitt 0.2 Sekunden Zeit geben, bevor sie einen verurteilen, aber ich schweife ab…

Damals (TM), also vor ziemlich genau einem Jahr habe ich angefangen mit verscheidenen Menschen darüber zu sprechen, ob sie bereit wären, mich jeden Tag von 9 bis 18 Uhr  zu ertragen und mir dafür zu allem Überfluss auch noch Geld zu bezahlen, während ich im Gegenzug auf einer Tastatur herumdrücke. Da Admin-Stellen – zumindest wenn man darunter nicht Toner-Tauschen für Sekretärinnen versteht – als “Jungspund” nicht wirklich leicht zu bekommen sind habe ich mich notgedrungen auch auf ein paar Stellen als C/C++ Entwickler beworben. Die Firmen sollen hier nicht genannt werden, aber nennen wir hier doch die erste “Total Cooles MikroController Zeugs” und die zweite “Irgendwas So Grob Mit Autos”.

Bei der TCMCZ stand ich also eines schönen Nachmittages vor der Tür, man führte mich ein wenig herum, zeigte mir das Mobiliar und die Grünpflanzen – wie das eben so abläuft. Als die Füße dann durch waren setzte man sich mit mir in einen Raum mit Tisch und befand, dass es nun Zeit wäre, sich miteinander zu unterhalten. Da das nicht die Lieblingsbeschäftigung dieser Nerds war, versuchten sie mich reden zu lassen, indem sie akribisch meinen Lebenslauf durchgingen und mich bei jedem Job referieren ließen, was ich da so getan habe und warum. Gut warum weiß ich auch nicht so genau, in den meisten Fällen vermutlich für Geld, aber was solls …

Das Gespräch verlief im großen und ganzen ruhig, bis einer der beiden Nerds, die sich mit mir in dem Raum befanden plötzlich feststellte, dass die Evolution mich mit zwei X-Chromosomen gesegnet hatte. Oder gestraft, alles eine Frage der Perspektive. Hier nochmal für die, die in Bio geschlafen haben: Dass ich eine Frau sei, merkte man an. Und wie ich denn dazu käme, auf die Idee zu kommen, als Frau einen solchen Job zu machen. Ob ich denn mit einem Lötkolben und einem Oszi im Notfall auch mal umzugehen wisse, fragte man.

Ich erwähnte, dass mein Vater gewissermaßen in ähnlichen Bereichen arbeite – allerdings wirklich nur ähnlich denn Windows und Linux vergleichen ist so wie Äpfel und Birnen. Faule Äpfel, wohlgemerkt – und, dass ich da gewissermaßen mit aufgewachsen sei und mit etwa 15 angefangen hatte ein bisschen zu Programmieren.

Dass das aber für eine Frau ungewöhnlich sei, merkte man an. Total beeindruckend. Aber ob ich denn damit klar käme, eine Frau zu sein. Jetzt war ich ein wenig verwirrt “Wie bitte?”. Naja, also, dass ich ja die einzige Frau sei und so und überhaupt und ob das ein Thema sei und man wisse ja nicht, ob das eins sei und – aber ich könne ja unmittelbar nach Abgabe meiner Bachelorarbeit mal zum Probearbeiten vorbeikommen.

Ich hab mich logischerweise nie wieder bei denen gemeldet.

Bei der zweiten Firma, bei der ich mich als Entwickler beworben hatte, der ISGMA, war das Gespräch ähnlich eingeleitet worden, nur dass es da keine Grünpflanzen gab. Die Menschen waren sympathisch und zuvorkommend und es gab sogar Kaffee. Zugegebenermaßen war dieses Vorstellungsgespräch das anstrengendste, denn ich glaube ich habe noch nie so geschwitzt in meinem Leben, als man mit unvermittelt ein Stück CAN-bus Treiber auf einen Bildschirm warf und sagte “Erklären Sie bitte, was dieser Code tut, and in English please.”

Jedenfalls verlief das Gespräch super, sie waren total begeistert von mir, aber dann kam wieder dieses leidige Thema. Dass ich ja eine Frau sei, und damit die einzige in einem Team von 30 Männern und wie ich denn damit umgehen würde und überhaupt. Mit meiner Antwort “Gar nicht, ist doch vollkommen egal, sind doch alles Menschen!” konnte man auch nicht wirklich was anfangen. Dass man da doch Bedenken habe, ob sich das so gut integriere – Mann Leute, und sich über Quoten beschweren und dass es zu wenig Frauen in der Informatik gibt. Wollt ihr mich als Entwickler (bitte ohne _in, *in, oder In!) oder eben nicht?!?

Ich hatte schon mit ähnlichem gerechnet als ich zu dem Vorstellungsgespräch bei meiner aktuellen Firma ankam und hatte mir richtig nette schnippische Antworten auf solche unglaublich dummen Fragen zurecht gelegt, aber ich wurde enttäuscht. Man hat mich über eine Stunde Vorstellungsgespräch ertragen lassen ohne einen dummen Kommentar im Kontext meiner Gonosomen zu machen.

Als sich dann nach dem Gespräch mit den Teamleitern die beiden Chefs über einem Kaffee unterhielten und mich dazu baten, um sich noch kurz von mir zu verabschieden, meinte der eine nur zum anderen “Da müssen wir uns bloß was mit den Klos überlegen.” und der andere entgegnete “Wieso? Sind doch zwei da.”

Ist klar warum mir die am sympathischsten von allen Firmen waren, oder?

Techniker ist informiert!

Techniker ist informiert!

Das ist eine der ersten und schönsten Geschichten, die ich in meinem Job bisher erlebt habe. Wer mich persönlich kennt, kennt die Pointe bereits, was sie nicht weniger albern macht.

Nachdem das Büro in dem ich arbeiten sollte zu meiner Einstellung noch nicht ganz fertig war, wurde es dann meine Aufgabe, es mit Internet und co bezugsfertig zu gestalten.

So begab es sich zu jener Zeit, als ein Internetprovider uns einen VDSL Anschluss mitsamt Modem zur Verfügung stellte.

Nach der Konfiguration der PPPoE-Einwahldaten auf der von mir als Router verwendeten Pizzaschachtel mit einem Debian darauf, die neben der Dose im Rack hängt, war leider keine Anbindung an dieses Zwischennetz zu erreichen. Spontan beim Provider ein Ticket aufgemacht, und da man ja Begriffe benutzt, die der First Level Support ohnehin nicht kennt ruft einen spontan ein Kellernerd an, mit dem man auch gerne mal 30-minütige Gespräche über die Vorzüge verschiedener Pen-and-Paper Rollenspielsysteme diskutieren kann (ja den hatte ich öfter mal am Apparat in diesen Wochen).

Im genannten Fall konnte man mir nicht so richtig helfen, auf meine Nennung der Kennung des mich abweisenden Radius-Servers aus den Debuginformationen des PPP-Daemons fragte der Nerd am Telefon seine umsitzenden Kollegen “Habt ihr [Kennung des Radiusservers wegen Lokalisierungsgefahr zensiert] schonmal gehört?” und die beste Antwort, die er darauf erhielt war “Das klingt wie die Kennung eines Radiusservers.” – Ach so, ja klar, wäre ich nicht drauf gekommen *seufz*

Nachdem man mich bat, die Einwahl doch einmal mit einem Windows-Laptop zu versuchen, da man von Linux also wirklich keine Ahnung hatte und das Windows so aussagekräftige Fehlermeldungen lieferte wie “Verbindung nicht möglich” sagte man mir, man schicke einen Techniker vorbei um die Leitung zu entstören.

Fast eine Woche später (die bereits eingezogenen Kollegen arbeiteten indirekt über ein LTE-Modem: Der Router hatte einen WLAN-Stick verpasst bekommen, damit auf den Dosen, an denen die Entwickler ihre Laptops anschließen, LTE anliegt) fand sich dann ein etwas älterer Techniker von Kabelteleeins bei uns im Büro ein. Ich empfing ihn sogar annähernd pünktlich und führte ihn zu den Anschlussdosen im Büro und dem Klingeldrahtgrab im Keller, auf dem noch Aufkleber mit Posthörnern kleben. Nach einigem Gepiepse und Gefachsimpele stellte er fest, dass der Fehler wohl auf dem Weg nach draußen liegen müsste. Da ich noch nie einen Outdoor-DSLAM von innen gesehen hatte bin ich neugierig mit raus auf die Straße gepilgert.

Während er verzweifelt versuchte unsere Leitung wiederzufinden, die nicht annähernd da anlag, wo seine Unterlagen es vorsahen (was auch das Problem war, warum die Leitung nicht ging) stecke ich mit dem Kopf zur Hälfte in dem großen grauen Kasten und verfolgte gedankenverloren das Internet auf dem Weg aus der Faser in den Draht.

“Sie hätten einen technischen Beruf erlernen sollen!”, sagte der ältere Techniker plötzlich zu mir. Ich war verwirrt.

“Hä? Habe ich doch”, entgegnete ich.

“Wirklich? Was denn?”, fragte er und piepste weiter vor sich hin.

“Ich habe Informatik studiert, mit Schwerpunkt auf Technischer Informatik.”, erklärte ich.

“Achso?”, fragte er verwundert (was mich noch mehr verwirrte), “Und was machen Sie dann hier?”

“Naja, die anderen da oben entwickeln eine Software”, setzte ich zur Erklärung an, “und ich bin hier Admin, ich kümmere mich um die komplette Infrastruktur und sorge dafür, dass alle Server und so weiter in Schuss sind, damit die Anderen in Ruhe arbeiten können.”

“Achso…?”, sagte der Techniker, “Nagut, ich habe mich ja auch schon gewundert, warum die Sekretärin so viele technische Begriffe kennt.”